I Heart Sendai, Or, How I Do Care About Fukushima
Nicht dass ich Fukushima nicht als Problem sehe. Ich habe in Tokyo gewohnt, hatte einen Freund in Rokkasho (wo die Wiederaufbereitungsanlage steht), und wenn es eine Stadt gibt, die für mich in irgendeiner Weise beziehungswürdig ist, ist es Sendai. Es geht hier nicht um die Chose, wie schlecht Japans Atomlobby ist (und die ist mächtig böse), es geht hier um Menschenleben! Klar, seitdem wir Atomgegner in Japan demonstrieren, und das ist ein Punkt, warum die LDP zum ersten Mal richtig krass verloren hat, obwohl die Nord-Japaner schon seit den 1970ern gegen Fukushima/ Rokkasho demonstrieren, sind wir genauso weit und genauso kurz wie die deutschen Demonstranten gegen Atomkraft gekommen.
Tun wir großartig demokratischen Deutschen ja mal bloß nicht so, als hätten wir in den letzten 30 Jahren mehr erreicht als die Japaner. An die Schienen ketten fetzt natürlich, keine Frage, seit 30 Jahren ist das total im Kommen. Ich bebe ja förmlich in meiner grünen arkadischen Welt! Wisst ihr, wie schnell die Züge in Japan sind? Da wagt es keiner, sich auch nur im Entferntesten in die Nähe einer Schiene zu wagen…Und trotzdem demonstrieren wir. Auf unsere Weise, aber das steht natürlich nicht in der taz oder im Spiegel. Die trauen sich gar nicht so weit raus, die ARDler und Windfrieds, weil die die Sprache gar nicht sprechen können. Wenn ich höre, wie die auf dem Dach des ARD-Studios in Tokyo (!!!!) bangen, da frage ich mich doch manchmal, ob Gert Anhalt (mittlerweile in D-Land) eigentlich klar ist, für welche Scheiße im ZDF er jahrelang produziert hat.
Um es noch einmal zu sagen, es geht nicht um die 10.000 Tote und Verletzten und radioaktiv Geschädigten, die ein Kernkraftwerk-GAU so mit sich führt, sondern um die 10.000 Tote der Tsunami, und jetzt eine Diskussion über Atomkraft zu führen, ist genauso wie die Idee, nach Tschernobyl die fundamentale Einrichtung von Sand für Kinderspielplätze zu hinterfragen.
Die Werke halten 8,2 aus, das Beben war 8,8. Tut mir Leid, dass Japan nicht wie Sumatra ist, wo Hunderttausende einfach so in Primitivität sterben, wo man noch seine Miene des edlen Helden der Caritas aufrecht erhalten kann und alles weint, sondern ein hochtechnologisiertes Land, das, wie Deutschland, eine Lobby besitzt, und wo eine einzige Anklage aus einem genauso hochtechnologisch exportorientieren Land, das aber Teil eines Kontinents ist, wo Strom ziemlich (un-)einfach nur mit eneuerbaren Energien gesteuert werden kann (denn der meiste Strom kommt immer noch aus Reaktoren anderer Länder), ziemlich dämlich wirkt, wenn es plötzlich einen Staat fertig macht, der genug damit zu tun hat, seine Toten zu bergen. Ja, ich weiß, dass man den japanischen Medien seit 40 Jahren nichts glauben darf, vor allem nicht der TEPCO und nicht der Atomlobby (halten die Deutschen die Japaner wirklich genauso dämlich wie die BILD ihre Leser?), Wenn es Tokio gewesen wäre, die Region, die wir alle kennen und lieben (=keine Atomkraft, weil die eben nun mal im Norden sitzt), dann würde jeder sofort spenden wie blöd. Aber wo liegt denn überhaupt Sendai?
Es tut mir Leid, aber Heuchelei ist etwas, was das Land jetzt schon genug durch die Regierung erfahren hat, da braucht Japan keine anderen Länder für. Was vor allem Miyagi und Fukushima als Präfekturen brauchen, ist Hilfe. Die Diskussionen um Atomkraft mögen später fortgesetzt werden. Das machen wir in Japan doch eigentlich sowieso die ganze Zeit, diskutieren, demonstrieren, etc. Ich sage wir, weil ungefähr mehr als die Hälfte der japanische Bevölkerung, vor allem, (VOR ALLEM) die alten Leute dagegen sind. Und damit meine ich nicht die dämlichen es geht uns gut wir sind aus dem Alter raus Alt-68er, sondern die fidelen Alt-60er. Die die Bombe noch erlebt haben und der Regierung den ganzen Scheiß seit 1950 nicht abkaufen. Das ist kein Scheiß. Aber: jetzt brauchen die Menschen Hilfe. Nichts weiter. Wenn die Idee der globalen Solidarität nur stupide anklagt, dann haben wir gar nichts aus unsere privilegierten und geradezu komfortablen Klimazone Europa (so politisch wie sozial) gelernt. Na dann: Tetsuwan Atomu banzai.
Lack of consistency
Never thought I would write something about home. Thought I lost my home years ago, floating. Tokyo nagaremono. Nagaremono Blues. Hearing songs about Tokyo on the worst radio station ever: RSA. New York, Rio, Tokyo. First time I heard about that special place. The place that keeps my nostalgia, my home. Never went back, and went back, always lacking another place. Space, place, gender, as Doreen Massery told us. What is gender? Am I gender? I went back to Germany. I noticed that men are discriminated. Never seen that before, never experienced the idea that feminism can go overboard, although I hated feminism just because of the feminism for years. When I wasn’t in Germany, I got political, but did I go feminist? I thought so. Going back to Germany, I feel maculinist. Does that mean I always side with the gender minorities? Or the foreigners? I side with the muslims. I side with the gaijin. I don’t side at all.
I side with minorities. I never thought I was discriminated. I was always respected. I hated the discrimination of equals when I was in Todai. I would never side with the Koreans who said that the atmosphere in our seminar was hostile. I would never side with the princess Japanese women who thought they were discriminated. Maybe it was me who saw them as a shame when they wanted to be housewives, anyone, the Caucasian, Chinese, Korean, Tawainese, Japanese girls. The Japanese girls who never spoke up. Me who only spoke up when people discriminated their own. I only saw discrimination when they acted towards their own folks. Why did I think that I could make a change when I spoke up for them who were ridiculed, and never spoke up for the minorities? Maybe because I wasn`t? Maybe because I was minority myself?
I lack consistency. In all things I do. My thesis, my life, my health, my family. What do they mean to me? I’m in a slump. My minority is where I am. Where I feel home. This can be anywhere. This is my home. The change. I need the change. I am a foreigner, but I only act when I am feeling everything is going overboard. I am no activist. I am only activist when things go against my rules. Humanity sucks. I am opportunist. I am lesbian. I am heterosexual. I am a male homosexual. I am not what I was years ago. I am not sure anymore. The universe mocks me. It is uncertain. Me too. I hate extremes. That is why I am writing about them.
I will fail. No one cares about extremes. We need them to be sure about social order. Thank you Foucault and Laclau for that. I am not an activist. I might have never been. And still I think something is wrong. I am incomplete. I know. This makes me change. But to where, what for? Have I lost my enthusiasm, me, the sarcastic one? Will anyone ever know when I am talking about what I think is right? Why do I always sound sarcastic when I am talking about things that really concern me? I don’t like children, why do they like me? I don’t like dogs, why do they like me? Who am I? Is there anything extreme anyway? What is me? Who is me? Am I good? I think I am not. I want to be good. GIve me back my good. My virtue. My humanism. I lost it somewhere. I cannot find it again. I am a shame.
Nötigung zum Fernsehen
Vor ein paar Wochen las ich beim Bäcker in der Schlagzeile irgendwas von DSDS und Koks. Hui, dachte ich. Die Sendung gibt es also immer noch. Zwei Tage später machte ich die Begegnung mit demselben Reality-TV-Format, da ein Mitbewohner uns genötigt fühlte, die Sendung zu gucken. Drama. Gut, dass der Stream nicht lief, und nebenbei das genauso schlechte Mashup von Disturbed vs Missy Elliot vs Pink gedudelt wurde. Was nahe an Reality-TV-Format grenzt. Ich lernte also Menopaus Blümchen und Marzahn Laluschi plus die Tochter von Bernd Eichinger kennen, die ja absolut noch mehr Dünnschiss labert als der Bohlen, und das muss man mal schaffen, der Bohlen ist wenigstens Produzent wie Herr Eichinger. Obwohl sein Vater sich ja immer fremdschämt, auf dem Golfplatz, wie ich hörte. Der VAter vom Bohlen, nicht der vom Eichinger. Wenn der mal keinen Herzkaschper bekommt.
Ein paar Tage später lernte ich von der Familie und den Mitbewohnern (bewahre, eigentlich hat die WG keinen Fernseher), “unseren” Star für Oslo kennen. Wusste ich gar nicht. Mein Star für Oslo ist und bleibt Morten Harket. Mein letzter Eurovision Liederabend, zu dem ich auch genötigt wurde, war 2008 in Odaiba, und nur, da Odaiba die Hölle weit vom Tokyoter Nachtleben entfernt ist, und weil die illustre europäische Gemeinde, mit der ich das Ding geguckt habe, so amüsant war, sah ich mich genötigt zu bleiben. Nun also die Frau mit dem Saale-Unstrut-Namen. Nachdem mir das Musik-Video auf dem iphone vorgespielt wurde (beim Essen, welch Frevel), und mein Neffe “Allein, allein” dagegen brüllte (was sich einer gewissen Ironie nicht erwehrt), und meine Mutter sich beschwerte, dass der Erfolg des Mädchens ambivalent gehandelt wurde, hatte ich wenig Lust, meine Bohnen weiter zu verspeisen. Da wurde ich genötigt, meinen Kommentar zu präsentieren. Der erste Kommentar, den ich hatte: Pitch. Weiß ja nicht, wie es live klingt. Der zweite: Das Mädchen muss sich entscheiden, Englisch oder Deutsch zu singen, oder, wenn sie einen englischen Akzent nachahmen möchte (wovon ich als Altruist nun einmal ausgehe, sie meint es sicher gut), diesen doch konsequent bis zum Ende durchhalten sollte. Heute las ich, man (Reality-TV-König Stefan Raab) habe sich schon über ihre seltsame Atemtechnik beschwert. Ach, das ist Atem! Das erklärt natürlich, warum unser (?) Star (?) für Oslo Probleme hat, love und day richtig auszusingen. Wie hieß das Lied noch gleich? Laff, uh love? Mir fiel bei näherem Internet-Recherchieren auf, dass das Mädchen scheinbar auch Probleme hat, normal richtig zu sprechen. Ein Logopäde könnte helfen…
Die dritte Nötigung erhielt ich heute, GNTM, sponsored and dominated by Heidi Klum, zu gucken. Nicht, dass ich dachte, Heidi hätte einen Stock im Arsch, nach der siebten Staffel Project Runway, gefühlten sieben Schwangerschaften später und ihrer Art, “Hello” in jeder Sendung so quietschen, dass selbst ich, ein regelmäiger Zuschauer von Reality-TV aus drei Ländern, plötzlich den Drang verspüre, mir einen Gardena combisystem-Rasenrechen zuzulegen. Mir ist natürlich entgangen, dass dies die dreihundertste Staffel GNTM war, nichtsdestotrotz war ich erstaunt, dass die größte Zicke unter den Möchtegernmodels die Klum ist. Spinnen, Schlangen und die Heidi, was ist schlimmer? Die Spinne ist fluffig, und die Schlange fotogener als alle Frauen in der Sendung zusammen. Heidi is auf’d. Wenn man schon Heidi heißt…
Um von Reality-TV und Variety Shows abzuschweifen, wurde ich dann auch noch dazu verführt, Glee zu gucken. Glee ist die Ausgeburt der Hölle, und ich glaube, dass die Zielgruppe der Sendung entweder Frauen oder homosexuelle Männer sind. Sie müssen. Wer sonst hält alle fünf Minuten theatralisches Geschmettere von Coversongs aus, die sich mit schlechten High-School-Dramen verknüpfen? Gut, Jane Lynch ist klasse, gebe ich zu. Der Rest? Parker Lewis war lustiger, und ich weiß gar nicht mehr, weshalb irgendeiner von uns Parker Lewis gut fand. Vielleicht, weil wir Frauen waren. Und verkappte homosexuelle Männer. Wer weiß das schon….Und das ist jetzt nicht diskriminierend gemeint.
Denn außerdem bescherte mir das ganze Reality-TV gucken auch noch Werbung. Ich lernte also auch noch männerdiskriminierende TV-Spots kennen. Nun bin ich wirklich komplett für eine politische Kampagne gegen Diskriminierung, welche die ZEIT diser Tage so treffend mit “Boy’s Day” beschrieben hat. Was für eine Zeit! Drei Wochen mit Reality-TV und vegetarischer Deep Fried Fertignahrung, die als Revolution des neoliberalen gendering of consumption angepriesen wurde. Ich bin Hausfrau/Biker/reiches Kind/ [insert stereotype here], und ich kaufe gern deep fried Käse/Tofu/Tomatenmark/ [insert processed food here], weil ich nicht weiß, was man außer Fleisch essen kann und wie echtes Gemüse aussieht. If a then x. Wenn das mal kein Stoff für die Cultural Studies ist!
Aber, Stuart Hall sei Dank, ich glaube an das Encoding/Decoding-Modell. Bitte sagt mir, dass nicht alles für die Katze ist. Wenn ich das nächste Mal zum Fernsehen genötigt werde, dann bitte zu einer Film- und Fernsehanalyse und gewaltiger Rezeptionsforschung. Termine im Juni sind noch frei.Bis dahin muss ich mich erstmal erholen…
Ein Abend in der Academy
Ich war zufällig geladen zur feierlichen Eröffnung eines neuen Instituts im Sitzungssaal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Die befindet sich, wie man sich bei der lieblosen und wenig professionellen Internetpräsenz der Akademie informieren kann, in der Karl-Tauchnitz-Str. Sie ist mir noch nie aufgefallen, die alte Stadtvilla neben dem Grünstreifen zum Bundesverwaltungsgericht. Dass man neue Institute gründet, wo kein Geld ist, scheint mir eher unangebracht, aber es erfreut mich denn doch, dass einige Institute zusammen an diesem “neuen” Institut interdisziplinär gemeinsame Sache machen, das sich GESI, Global and European Studies Institute nennt. Wobei man sich natürlich schon fragt, ob nicht ersteres letzteres ausschließe bzw. umgekehrt. Ein westeuropäisches Institut für Osteuropa (und die Welt, ich vergaß) für mehrere Institute, die interdisziplinär sein wollen, die aber vor 4 Jahren, als der Bachelor eingeführt wurde, alle einzeln darauf gepocht haben, ihre ethno (institutio-)zentrische Sichtweise so durchzusetzen, so dass alles beim Alten blieb und jeder Professor auf seinem Lehrstühlchen ganz alleine sitzen bleiben konnte. Interdisziplinär, ja gut, aber dann bitte mit “unserem Institut” als Zentrum. Selbst unser Institut wollte Ostasien, scheiterte aber an den Sinologen, die (teils auch zu Recht) eine Übernahme der Japanologen fürchteten. Interdisziplinarität klappt nicht, wenn man sich an seine Privilegien klammert, sie klappt aber auch nicht, wenn man die anderen kolonialisieren möchte.
Nun also GESI. Den Einsatz macht ein Klarinettenquartett im altehrwürdigen Saal mit dunklem Holz und prunkvollen güldenen Kronleuchtern mit 5 Meter Durchmesser. Der überaus elitistische Mief wird durch Ansprachen von hohen Professoren durch den Raum diffundiert, die auf Deutsch ein “global institute” propagieren, so dass nach einer Stunde die Reihe vor mir, bestehend aus indischen, senegalesischen, ukrainischen und chilenischen Studenten und PhDs, beginnt zu schlafen oder verzweifelt die Holzvertäfelung anzustarren.
Eingeladen als Hauptakt, nachdem das unsäglich nach mediokrem Musikgeschmack triefende Klarinettenquartett endlich verschwunden ist (das aber gut gespielt hat), ist ein WASP-US-Amerikaner, der eine ebenso fragliche kolonial-ethnozentrische Auffassung über World History vertritt, und der auf die berechtigte Kritik von Studenten der Welt außerhalb Euroamerikas darauf antwortet, er sei ja interdisziplinär, da er die “afrikanische” Diaspora in den USA untersuche. Ohne eine Ethnie zu nennen, gebraucht dieser Mann den ganzen Abend sehr oft den Slogan “Die Afrikaner tun dies und das”. Ich frage mich, ob “World (oder besser: Global) History” nicht einfach durch ihren Universalanspruch alle heterogenen Völker wieder zu einem Brei vermengen wird. 3 Kontinente plus die USA, versteht sich, und nicht zu vergessen: the Global No-man’s-land South aka Africa.
Ich habe mich vor dem Einschlafen gehindert, indem ich Revue passieren lassen habe, weshalb mich das Beiwohnen dieser Veranstaltung so wütend gemacht hat. Als ich 16 war, wollte ich Marxist sein und habe mich durch das Kapital gewühlt, nur um zu lernen, dass ich Elite eigentlich ganz toll fand und immer sein wollte. Mit 29 bin ich linker denn ich je war, und frage mich, was der ganze elitäre Quatsch mit dem hochtrabenden Sitzungssaal (oder beispielsweise auch dem furchtbar überladenen Ziegenledersaal der Uni Leipzig) eigentlich soll, außer irgendeine Elite zu heben, die schon jegliche Beziehung zur Realität verloren hat.
All diese selbstverliebten Professoren, die sich einer Errungenschaft der Innovation rühmen, in einem verstaubten Saal sich selbst und ihre Kollegen feiern, sich bei Kritik immer noch bebauchpinseln und am Ende die Neuheit eines längst überfälligen und fast schon wieder überholten Studienprogramms loben, werden sich spätestens am nächsten Tag wieder einreihen in den allgemeinen Konsens des “Ausverkaufs” der Universität durch Bachelor- und Masterkurse, unter denen ihre (eigentlichen Heimat-)Institute ja so zu leiden haben, geld- und forschungstechnisch, versteht sich.
Das Problem der Unflexibilität, ohne die Inhalte ihrer Lehrangebote zu ändern, einfach ein neues Institut zu gründen, anstatt die Uni aktiver zu gestalten (zusammen mit den Studenten, von denen viele auch immer noch lernen WOLLEN), lässt nur eines nicht zu, nämlich das, was die Universität schon immer hätte sein sollen und wofür diese deutschen Professoren und der Protzsaal der alten elitistischen Stadtvilla stehen: die vertane Chance, den Bachelor als das zu sehen, was er potentiell sein kann: dass selbst den Studenten, die sich nicht eignen für die Wissenschaft (und davon gab es im Magisterstudium genauso viele oder wenige), zu einem Abschluss verholfen werden kann. Dass selbst schlechtere und ärmere Studenten in 3 Jahren etwas dazulernen können, selbst wenn es nur Geisteswissenschaften sind. Dass sie sich selbst finden, in den Jahren des Erwachsenwerdens. Und dass, wenn eben alle Stricke reißen, sie trotzdem nichts umsonst gemacht haben.
Dafür müssen aber diese ganzen Querschläger, die glauben, jetzt würde die Universität verkommen, sich von ihren Holzvertäfelungen und Kronleuchtern lösen, von ihrer Festanstellung auf einem Lehrstuhl, der die Hierarchie noch unterstützt. Vor allem aber muss dieses hohe Ross, mit dem die Hochschulprofessoren über die Studenten hinweg traben, geschlachtet werden, damit sie auch mal auf derselben Ebene laufen lernen. Dann merken sie vielleicht, dass es nicht nur das System ist, das schuld ist. Es ist immer einfach zu sagen, das System. Nach drei Jahren an dieser Uni hat aber keiner dieser Systemkritiker es geschafft, ein einziges neues Seminar zu konzipieren.
Und dafür danke ich der Academy! Dies ist kein Plädoyer für einen Bachelor, aber es ist eins für Innovationen und Gleichberechtigung. Wenn keiner für die Studenten spricht und sie keiner nach ihrer Meinung fragt, Kritik abschmettert und sein köstlichens Weinchen von Nationalakademien gesponsert bekommt, sollte er vom Elfenbeinturm geschubst werden. Aber bitte von ganz oben.
Nachtrag: Dies ist keine Verleumdung der Professoren, die sich so viel Mühe gemacht haben. Es ist auch keine Kritik an der Akademie der Wissenschaften, deren Förderung ich sehr schätze. Es ist nur eine Kritik am elitären Gehabe einiger Apparatschiks, die sich dann über denselben Apparat beschweren, wenn er reformiert wird.
Nostalgie
Ich sitze im 4.Stock der Schillerstraße, und irgendwas stimmt mit der Heizung nicht. Oder der Raum ist zu groß für zwei Mini-Heizungen, oder es liegt an dem kleinen Marker, der mich die Heizung nicht auf über 3 drehen lassen will. Meine Heizung auf über 3 zuhause macht den ganzen Raum warm. Die hier fühlen sich an wie unter 2. Ich sitze also warm verpackt mit Schal um den Hals und meiner Jacke auf den Beinen am anderen Ende des Raumes und trinke heißen Kaffee.
Und dann kommt wieder eine dieser Schillerstraßenerinnerungen, als Leipzig noch der wilde Osten war und man mir noch für meinen “Mut” gratulierte, in den Osten zu gehen. Vor nicht mal 8 Jahren, wohlgemerkt.
Es war einer dieser furchtbar kalten Tage, und die Schillerstraße war noch nicht saniert. Also bestieg man die rote Wendeltreppe, hielt sich schnaufend am weißen Geländer fest, um dann noch einmal über eine kleinere Treppe in die Vier ins Dachgeschoss und unsere Fakultät zu gelangen. Es war ein Montag, und Montag hatte ich ab mittags frei und verbrachte den Nachmittag meist mit einem Lern- und Plausch mit Fabian, der damals montags die Bibliotheksaufsicht hatte. Außerdem hatte ich noch was Wichtiges für inrgendeine Veranstaltung zu tun, und war demnach gezwungen, die Treppe zu erklimmen. Oben angekommen und nach einem Ausflug zum Unisex-klo, von denen nur noch eines funktionstüchtig war und die anderen mit dicken Tragseilen an den Wandhalterungen befestigt waren, gesellte ich mich also zu den drei Verrückten in der Bibliothek.
Aber: die Heizung in der Bibliothek war ausgefallen, und das Dachgeschoss strotzte vor Kälte. Die drei Nasen, Fabian und ich saßen also in dieser fruchtbaren kleinen Japanologiebibliothek zähneklappernd und unglücklich beim Lesen, und ab und zu kam Annette Schad-Seifert herein, um uns eine warme Tasse Tee zu bringen.
Ich frage mich heute noch, ob sie sich nicht gedacht hat, wir drei Nerds müssten ja unglaublich dämlich sein, überhaupt in der kalten Schillerstraße auszuharren, aber ich brauchte irgendwelche wichtigen Bücher, die es nur dort gab, und überhaupt wäre es unsolidarisch gewesen, Fabian seinen versprochenen Montagskaffee nicht zukommen zu lassen. Danach erinnere ich mich an eine ausgiebige Glühwein-im-warmen-Zuhause-trinken-Geschichte, aber nur noch dunkel.
Die Schillerstraße ist saniert, und ich sitze als einziger wieder hier in dem Raum mit der Luke, diesmal aber mit Oberlichtern, und trotzdem Heizung kaputt. Mir fällt ein, wie wir in diesem Raum das Dazai Osamu-Seminar bei Freudianer Kobayashi gehabt haben, und da dieser Teil die Mediävistik war, standen hier damals noch unzählige dicke stinkende Bücher altdeutscher Provenienz. Es gab noch das nicht mehr intakte Fotolabor, wo das Karl-Marx-Uni-Regal stand, in dem ich jetzt meine Literatur zu Hause stehen habe. Die Feuertreppe hinterm Unisexklo mit dem immer vollen Glas Zigaretten, die Koba und auch wir zur Pause nutzten.
Das Haus ist funktionaler geworden. Es regnet nicht mehr hinein und die Tauben nisten auch nicht in allen Luken unterm Dach. Warum aber die Heizung immer noch nicht funktioniert, ist mir ein Rätsel…
