Nötigung zum Fernsehen
Vor ein paar Wochen las ich beim Bäcker in der Schlagzeile irgendwas von DSDS und Koks. Hui, dachte ich. Die Sendung gibt es also immer noch. Zwei Tage später machte ich die Begegnung mit demselben Reality-TV-Format, da ein Mitbewohner uns genötigt fühlte, die Sendung zu gucken. Drama. Gut, dass der Stream nicht lief, und nebenbei das genauso schlechte Mashup von Disturbed vs Missy Elliot vs Pink gedudelt wurde. Was nahe an Reality-TV-Format grenzt. Ich lernte also Menopaus Blümchen und Marzahn Laluschi plus die Tochter von Bernd Eichinger kennen, die ja absolut noch mehr Dünnschiss labert als der Bohlen, und das muss man mal schaffen, der Bohlen ist wenigstens Produzent wie Herr Eichinger. Obwohl sein Vater sich ja immer fremdschämt, auf dem Golfplatz, wie ich hörte. Der VAter vom Bohlen, nicht der vom Eichinger. Wenn der mal keinen Herzkaschper bekommt.
Ein paar Tage später lernte ich von der Familie und den Mitbewohnern (bewahre, eigentlich hat die WG keinen Fernseher), “unseren” Star für Oslo kennen. Wusste ich gar nicht. Mein Star für Oslo ist und bleibt Morten Harket. Mein letzter Eurovision Liederabend, zu dem ich auch genötigt wurde, war 2008 in Odaiba, und nur, da Odaiba die Hölle weit vom Tokyoter Nachtleben entfernt ist, und weil die illustre europäische Gemeinde, mit der ich das Ding geguckt habe, so amüsant war, sah ich mich genötigt zu bleiben. Nun also die Frau mit dem Saale-Unstrut-Namen. Nachdem mir das Musik-Video auf dem iphone vorgespielt wurde (beim Essen, welch Frevel), und mein Neffe “Allein, allein” dagegen brüllte (was sich einer gewissen Ironie nicht erwehrt), und meine Mutter sich beschwerte, dass der Erfolg des Mädchens ambivalent gehandelt wurde, hatte ich wenig Lust, meine Bohnen weiter zu verspeisen. Da wurde ich genötigt, meinen Kommentar zu präsentieren. Der erste Kommentar, den ich hatte: Pitch. Weiß ja nicht, wie es live klingt. Der zweite: Das Mädchen muss sich entscheiden, Englisch oder Deutsch zu singen, oder, wenn sie einen englischen Akzent nachahmen möchte (wovon ich als Altruist nun einmal ausgehe, sie meint es sicher gut), diesen doch konsequent bis zum Ende durchhalten sollte. Heute las ich, man (Reality-TV-König Stefan Raab) habe sich schon über ihre seltsame Atemtechnik beschwert. Ach, das ist Atem! Das erklärt natürlich, warum unser (?) Star (?) für Oslo Probleme hat, love und day richtig auszusingen. Wie hieß das Lied noch gleich? Laff, uh love? Mir fiel bei näherem Internet-Recherchieren auf, dass das Mädchen scheinbar auch Probleme hat, normal richtig zu sprechen. Ein Logopäde könnte helfen…
Die dritte Nötigung erhielt ich heute, GNTM, sponsored and dominated by Heidi Klum, zu gucken. Nicht, dass ich dachte, Heidi hätte einen Stock im Arsch, nach der siebten Staffel Project Runway, gefühlten sieben Schwangerschaften später und ihrer Art, “Hello” in jeder Sendung so quietschen, dass selbst ich, ein regelmäiger Zuschauer von Reality-TV aus drei Ländern, plötzlich den Drang verspüre, mir einen Gardena combisystem-Rasenrechen zuzulegen. Mir ist natürlich entgangen, dass dies die dreihundertste Staffel GNTM war, nichtsdestotrotz war ich erstaunt, dass die größte Zicke unter den Möchtegernmodels die Klum ist. Spinnen, Schlangen und die Heidi, was ist schlimmer? Die Spinne ist fluffig, und die Schlange fotogener als alle Frauen in der Sendung zusammen. Heidi is auf’d. Wenn man schon Heidi heißt…
Um von Reality-TV und Variety Shows abzuschweifen, wurde ich dann auch noch dazu verführt, Glee zu gucken. Glee ist die Ausgeburt der Hölle, und ich glaube, dass die Zielgruppe der Sendung entweder Frauen oder homosexuelle Männer sind. Sie müssen. Wer sonst hält alle fünf Minuten theatralisches Geschmettere von Coversongs aus, die sich mit schlechten High-School-Dramen verknüpfen? Gut, Jane Lynch ist klasse, gebe ich zu. Der Rest? Parker Lewis war lustiger, und ich weiß gar nicht mehr, weshalb irgendeiner von uns Parker Lewis gut fand. Vielleicht, weil wir Frauen waren. Und verkappte homosexuelle Männer. Wer weiß das schon….Und das ist jetzt nicht diskriminierend gemeint.
Denn außerdem bescherte mir das ganze Reality-TV gucken auch noch Werbung. Ich lernte also auch noch männerdiskriminierende TV-Spots kennen. Nun bin ich wirklich komplett für eine politische Kampagne gegen Diskriminierung, welche die ZEIT diser Tage so treffend mit “Boy’s Day” beschrieben hat. Was für eine Zeit! Drei Wochen mit Reality-TV und vegetarischer Deep Fried Fertignahrung, die als Revolution des neoliberalen gendering of consumption angepriesen wurde. Ich bin Hausfrau/Biker/reiches Kind/ [insert stereotype here], und ich kaufe gern deep fried Käse/Tofu/Tomatenmark/ [insert processed food here], weil ich nicht weiß, was man außer Fleisch essen kann und wie echtes Gemüse aussieht. If a then x. Wenn das mal kein Stoff für die Cultural Studies ist!
Aber, Stuart Hall sei Dank, ich glaube an das Encoding/Decoding-Modell. Bitte sagt mir, dass nicht alles für die Katze ist. Wenn ich das nächste Mal zum Fernsehen genötigt werde, dann bitte zu einer Film- und Fernsehanalyse und gewaltiger Rezeptionsforschung. Termine im Juni sind noch frei.Bis dahin muss ich mich erstmal erholen…
